Trauerkind
Ich habe diesen Text in einem Forum gefunden. Leider kenne ich die Verfasserin nicht. Ich möchte keine Urheberrechte oder Gedankengut verletzen. Wenn es sie stört, soll sie sich bitte bei mir melden. Ich finde den Text wunderschön und sehr passend und möchte ihn deshalb hier veröffentlichen.
Von einer Sternenkinder Mutter
Das Trauerkind
Der Moment, an dem
wir unser Kind gehen lassen mussten, ist der Moment der Geburt unserer
Trauer.
Und wie ein Neugeborenes verhält sie sich auch. Sie füllt unser ganzes Wesen
aus, unseren ganzen Tag, unser ganzes Dasein. Wie ein Säugling den ganzen
Tag von uns getragen wird, tragen wir die Trauer 24 Stunden. Wir spüren ihr
Gewicht körperlich in Form von Schmerz. Die Trauer liegt auf unserer Brust,
nimmt uns die Luft zum Atmen, und trinkt unsere Energie. Es gibt nichts
Anderes in dieser ersten Zeit, nur den Schmerz, die Kraftlosigkeit, die
Trauer.
Aber ein Säugling
entwickelt sich, zunächst unmerklich, dann mit kleinen Sprüngen. Plötzlich
kann es von der Mutter wegrobben, eigenes Terrain entdecken. Es wird nicht
mehr 24Stunden am Tag an der Brust getragen, will das auch nicht. Es braucht
noch immer sehr viel Körperkontakt, aber auch Freiraum. Und irgendwann
schläft es zum ersten Mal durch.
Und unsere Trauer: Verblüfft stellen wir fest, dass wir die Trauer zwar noch
ständig spüren, dass der körperliche Schmerz aber Pausen macht, Pausen an
denen man zwar noch sehr intensiv trauert, aber wieder atmen kann. Die
Lebensenergie wird nicht mehr unendlich abgezogen, Kleinigkeiten des Alltags
sind uns wieder möglich. Manche Mütter können das erste Mal nach langer Zeit
wieder nachts schlafen, bei Anderen waren (wie bei manchen "lebenden
Kindern") die Nächte eigentlich kein so grosses Problem. Wieder ist das "Schlafenkönnen"
nicht das Mass unserer Trauer oder gar unserer Liebe zu unseren Sternchen.
Dann kommt das Kind
in den Kindergarten. Am Anfang macht sich die Mutter grosse Sorgen, denkt die
ganzen 4 Stunden ununterbrochen an ihr Kind. Manche Kinder fällt der
Übergang leicht, andere klammern. Liebt eine Mutter ihr Kind weniger, wenn
das Kind loslässt und geht? Natürlich nicht. Liebt eine Mutter ihr Kind
weniger oder mehr, wenn das Kind mit 5 Jahren mehr oder weniger
Körperkontakt braucht? Natürlich nicht. Und nach dem Kindergarten kommt das
Kind in die Arme der Mutter geflogen, holt sich die Geborgenheit die es
braucht, und will erzählen
Genauso ist es mit unserer Trauer. Nicht einschneidend, aber schleichend,
gibt es Momente, an dem wir die Trauer nicht spüren, an dem wir vielleicht
über Witze lachen können, einen Kuschelabend mit unserem Partner verbringen
oder richtig aufmerksam einen Film ansehen können, ohne ständig an unseren
Verlust zu denken. Und wie bei den lebenden Kindern, so ist diese
Entwicklung auch bei unseren Engelchen bei jedem Anders. Aber die Liebe ist
immer die Gleiche. Und der Schmerz kommt dann auch zurück, genauso nah
genauso heftig wie man es schon gewöhnt ist.
Manchmal bekommt
das Kind ein Geschwisterchen. Es ist eifersüchtig, weil das neue
"Neugeborene" mehr Zeit und körperliche Nähe beansprucht, fühlt sich vom
Thron gestossen und fällt in alte Babygewohnheiten zurück.
So kann es auch unserem Trauerkind gehen, wenn ein Folgekind kommt. Schon in
der Schwangerschaft stellt sich oft die körperliche Trauer ein, diesmal
verbunden mit Angst. Und ist das Folgebaby erst einmal da, spüren wir den
vorwurfsvollen "Blick" unseres Trauerkindes, manchmal wie körperlich "Und
ich? Für mich hast Du keine Zeit mehr, liebst Du mich nicht mehr?", und wir
bekommen ein schlechtes Gewissen, glauben eine schlechte Mutter zu sein, die
ihr totes Kind vernachlässigt.
Irgendwann hat sich aber alles eingespielt. Das Trauerkind merkt, dass es
auch Zeit für es gibt, dass es nicht vergessen ist. Auch das Folgekind
lernt, dass noch ein Geschwisterkind auch die Liebe seiner Eltern mit
beansprucht. Es wird zum Grab mitgenommen und wenn es älter wird, werden ihm
Fotos gezeigt und es wird ihm erklärt, was passiert ist. So wie Geschwister
ganz selbstverständlich miteinander gross werden, lernt auch das Folgekind,
dass das Sternenkind das Trauerkind bei seinen Eltern gelassen hat, an
seiner statt. Und da auch bei der grössten Geschwisterliebe Streit
unvermeidlich ist, werden auch da Machtkämpfe um die elterliche
Aufmerksamkeit nicht ausbleiben. Manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn man
sein Folgekind richtig glücklich anlacht, dann wieder wird das Folgekind zum
"Kasper" oder "Haustyrann" wenn es merkt, dass Mama "zu lange" heute so
still und nachdenklich ist. Aber irgendwie gibt es dann auch schnell wieder
Versöhnung.
Dann kommt das Kind
in die Pubertät, lehnt sich gegen die Eltern auf, es gibt Zoff. "Lass mich
in Ruhe. Du hast mir überhaupt nichts zu sagen" etc. Die Liebe der Mutter
wird ausgetestet bis zum geht nicht mehr, aber sie ist (meistens) immer noch
da, auch wenn viele Jugendliche den Kontakt zu ihren Eltern fast ganz
ablehnen, die Türen verschließen.
Und unser Trauerkind: Jetzt passiert es zum ersten Mal, dass wir z.B. einen
Kinderwagen ansehen, hineinschauen und das Baby bewundern, wartend auf das
so bekannte Gefühl des Schmerzes- und es kommt nicht. Wenn das zum ersten
Mal passiert, erschrecken wir uns wahrscheinlich, denken "Ich liebe mein
Baby nicht mehr. Ich spüre den Schmerz nicht. Was bin ich für eine
Rabenmutter". Aber die Trauer will nicht mehr "abrufbar" sein. Will einfach
nicht mehr irgendwelchen Ritualen und Signalen gehorchen, will kommen und
gehen, wann es ihm passt. Jetzt kann es sein, dass man von heftiger Trauer
mitten in der Nacht geweckt wird, was wahrscheinlich schon lange nicht mehr
passiert ist. Wie ein Jugendlicher, der nachts um 3 beschließt seiner Mutter
doch von seinem Liebeskummer zu erzählen.
Dann irgendwann ist das Kind erwachsen, verlässt das Elternhaus. Stirbt damit die Liebe der Mutter? Nein. Nach einer Eingewöhnungszeit fängt die Mutter an, ihr Leben wieder ganz so zu leben, wie sie es möchte. Sie liebt ihr Kind, aber es ist aus dem Haus. Und jedes Kind ist anders. Einige rufen ihre Mutter 2 mal die Woche an, einige lassen sich noch eine Weile die Wäsche waschen und sie sehen sich häufig, wieder andere melden sich nur zu Weihnachten und Neujahr. Aber die Mutterliebe bleibt.
Und die Trauer. Auch die zieht irgendwann vielleicht aus, nur das warme Gefühl der Liebe zu diesem Kind bleibt. Und der gelegentliche Anruf, das gelegentliche Gefühl, das an den alten Schmerz erinnert, aber doch ganz anders ist.
Und wie es bei lebenden Kindern sein kann, dass auch nach vielen Jahren, die erwachsene Tochter mit einem Koffer in der Hand in der Tür steht, weinend in die Arme der Mutter fliegt und erst einmal wieder für ein halbes Jahr zurück ins alte Kinderzimmer zieht, kann auch unser Trauerkind zurückkommen, mal für einen Kurzbesuch, dann vielleicht sogar für eine ganze Phase. Aber ob das nun passiert oder nicht, die Mutterliebe ist die Gleiche.