Mias Geburt, Tanjas Geschichte
Du
warst nur Gast in meinem Leben,
gingst mit mir ein kurzes Stück,
doch hast Du mir soviel gegeben -
wie gern dreht ich die Zeit zurück.
Du reistest aber eilig weiter
in jenes Land dort hinterm Wind,
vielleicht bist Du mein Wegbereiter
zu unser aller Ziel, mein Kind.
Autor unbekannt
Mia
kam am Montag den 18.8.03, in der 38. SSW,
still zur Welt. Nach einer traumhaft unproblematischen Schwangerschaft!!!
Die Schwangerschaft war nicht geplant, aber wir haben Mia, nach dem ersten
Schock, bald geliebt. Jetzt im Nachhinein sehe ich, wie viel sie uns gegeben
hat...
Am
Freitag zuvor hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, da stimmt etwas nicht. Aber
Mia hat mich mit ihrem wilden Gestrampel sofort beruhigt. Dann, am Samstag war
sie ruhiger als sonst. Ich dachte mit nichts dabei, weil sie sich am Wochenende
immer viel weniger bewegte als sonst. Weil ich da aktiver war. Doch gegen Abend
wurde ich doch unruhig. Sie hat sich schon ewig nicht mehr bewegt. (Heute weiss ich,
dass sie in der Nacht auf Samstag in meinem Bauch starb) Wollte es nicht
wahrhaben! Noch eine Nacht abwarten. Doch das erste am Sonntagmorgen war, dass
ich der Klinik anrief. Sie meinten, ich solle doch einfach kurz vorbei kommen.
Zuerst Herztöne mit dem Schallkopf hören. Nichts...Muss nichts heissen... Ultraschall... da ich
beleibter bin, haben sie mich stets an ein noch besseres Gerät gebracht. Nach
dem Dritten war dann alles klar. Mia ist tot. Kein Herzschlag mehr, keine
Bewegung, nichts...Mein Freund brach weinend zusammen. Meine Verzweiflung kam
nicht. Ich versuchte Tränen rauszudrücken, aber es waren nur trockene
Schluchzer. Ich fragte dann, ob ich sie jetzt gebären müsse. Sie
bejahten. Aber meine Bitte nach einem Kaiserschnitt rieten sie ab. Ich solle es
zuerst natürlich probieren. Es wäre besser für meinen Körper und auch meine
Seele. Also begaben wir uns auf die lange Odyssee. Viele Tabletten, Tropfe und
eine PDA später war dann doch ein Kaiserschnitt im Gespräch. Hatte seit 6
Stunden einen Geburtsstillstand. Diesmal wehrte ich mich gegen den
Kaiserschnitt. Ich wollte so schnell wie möglich einfach wieder nach Hause und
das konnte ich mit einer Operationsnarbe wohl nicht mehr. Der Chefarzt meinte,
dass ich evtl. nur einen Tag in der Klinik bleiben müsste, wenn meine Hebamme
bereit wäre, mich auch nach einem Kaiserschnitt zu Hause zu besuchen. Sie war
es (danke an Vroni). Doch zuerst noch einen letzten Versuch mit einer Tablette,
die ich schlucken sollte und dann mal schauen, ob sich mein Muttermund endlich
öffnet. Und oh Wunder. Bis am Montagabend um 17.00 Uhr war
Meine
Eltern kamen in den langen Stunden noch vorbei um mich und meinen Freund ein
wenig zu trösten. Es hat gut getan, mal nicht nur dazuliegen (und dazu war ich
ja seit der PDA verdammt. Konnte mich ja kaum bewegen. Jedesmal wenn ich mich
nur drehen wollte, musste mir mein Freund und die Hebamme helfen.) und an das bevorstehende zu
denken. In diesen schweren Stunden beschlossen wir, dass wir heiraten wollen.
Die Geburt unseres Sternchens hätte nicht ausgereicht, dass wir diesen Schritt
wagen. Ihr Tod nun aber schon.
Wieder
zum Muttermund, der endlich offen war. Die Hebamme meinte so gegen 17.45 Uhr ich
könnte ja mal versuchen zu pressen. Sie haben vorher auch die Dosis meiner PDA
stark runtergesetzt, damit ich die Wehen spürte und kräftig mitpressen konnte.
Also begann ich zu pressen. Das war eine Tortur. Die Schmerzen wurden immer stärker
und ich musste mich vor lauter Anstrengung zweimal übergeben. Da ich schon seit
24 h nichts mehr gegessen hatte (musste nüchtern bleiben, da ja evtl. der
Kaiserschnitt bevorstand) kam nichts, ausser Galle. Danach hat die Hebamme ein
Mittel gegen Erbrechen in den Tropf gespritzt, damit diese Tortur nicht nochmal
kam.
Da
ich auch einen erhöhten Blutdruck habe, hat die Manschette an meinem Arm (die
ich schon seit Sonntag um 3.30 Uhr am Arm hatte) jede viertel Stunde zugezogen
und meinen Blutdruck gemessen. Also eine kurze Presspause. Bald merkte ich aber dass, wenn ich presste, die Wehen nicht
so schmerzhaft waren. Da meine beiden Beine fest eingeschlafen waren, durch die
PDA, konnte ich mit denen nicht viel anfangen. Sascha, mein Freund, stand hinter
dem Bett und stütze meinen Kopf beim Pressen. Er war und ist sowieso der beste Mensch auf dieser Welt. Er
hat mich nur einmal für ein paar Minuten alleine gelassen, weil es ihm wegen
den Gerüchen zu viel wurde. Er hat mir, obwohl er zum Statisten abgestempelt
wurde, viel Kraft gegeben. Diese Zeit wird uns wohl für immer
zusammenschweissen.
Mias
Kopf blieb vor dem Scheidenausgang etwa 2 Stunden hängen. Ich presste was meine
Kraft hergab, aber sie wollte nicht weiterkommen. Aber einer Mutter mit einer
Totgeburt, bleibt nichts anders übrig, als weiterzumachen. Denn die Saugglocke
kann nur bei lebenden Kindern eingesetzt werden. (Ich vermute mal, weil danach
der Kopf ziemlich deformiert ist und wir alle nur einen kleinen Moment haben, um
unsere Sternchen zu sehen. Es wäre nicht gut, wenn es dann wie ein Alien
aussieht). Die Hebamme und die Ärztin, haben mich immer wieder motiviert. Nach 3 Stunden war dann ihr Kopf da. Das hat mir die grössten
Schmerzen meines Lebens beschert. Die Schultern brauchten ja noch mehr Platz als
ihr Kopf!!! Mia hatte zudem die Hände
auf den Schultern verschränkt und trotz kraftvollem Pressen ging es keinen
Millimeter vorwärts. Die Ärztin holte sofort den Chefarzt. Ich rief
unterdessen der Hebamme zu, dass sie Mia doch am Kopf packen solle und aus mir
rausziehen soll, sie wäre ja sowieso schon tot. Die Hebamme antwortete sehr
behutsam, dass dies doch nicht gehe, denn sie würde mich damit zerreisen. Schon
war ich ruhig, legte mich nach hinten, holte meine letzten Kraftreserven hervor,
wartete auf die nächste Wehe und presste Mia aus mir heraus. Was das für ein
erlösendes Gefühl ist, brauche ich ja nicht zu sagen. Es war inzwischen 20.52
Uhr. Sascha hatte nun seine Aufgabe erledigt und er liess sich hinter dem Bett
fallen und weinte. Mia war da und tat keinen Laut. Unser letzter
Hoffnungsschimmer, dass doch evtl. alles nur ein schlechter Traum war, zerbrach.
Die Hebamme und die Ärztin durchschnitten die Nabelschnur und wickelten Mia in
ein vorgewärmtes Tuch. Schon während dem Geburtsvorgang wurden wir gefragt, ob
wir Mia sehen wollen. Sascha und ich entschlossen uns, dass wir sie sehen
wollen, aber auf keinen Fall anfassen. Die Hebamme kam mit Mia im Arm zu mir, es
vergingen nur Sekunden und mein Zeigefinger, streichelten Mias Nase und ihre
Wangen. Die Hebamme fragte mich, ob ich sie nicht doch in den Arm nehmen wolle.
Ich konnte nur nicken. So lag meine süsse Tochter auf meinem Bauch, während
die Plazenta geboren wurde. Die war vollständig in Ordnung, wie auch die
Nabelschnur nur leicht um Mias Körper gewickelt war. Beide trugen nicht die
Schuld an Mias Tod. Sascha kam langsam aus seiner Ecke hervor und warf nun auch
den ersten Blick auf seine Tochter. Die Tränen liefen ihm über die Wangen.
Zaghaft streckte er die Hand aus, um Mia zu berühren. Sie hatte meine Nase (gott
sei Dank, Sascha hat eine mega Nase) und seinen Mund. Auf den Wangen hat sich
die Haut abgelöst, da sie nun doch schon zwei Tage ohne sich zu versorgen im
Fruchtwasser lag. Ihr Mund war verkniffen. Ihre Augen geschlossen. Ganz wenig
Haare säumten ihren Kopf. Sie war ein wenig zu rund, kam ganz nach ihrer Mutter.
Sie wog schliesslich 3660g und war 50cm gross. Ihr Kopfumfang mass 35cm. Und das
zwei Wochen vor ihrer eigentlichen Geburt! Die Ärztin kümmerte sich
unterdessen um den Riss in meiner Scheide. Der Chefarzt war auch im Gebärzimmer
und schaute immer wieder nachdenklich auf Mia herab, die inzwischen auf dem
Wickeltisch lag. Ich war plötzlich bester Laune und fragte die Ärztin ob sie
auch gut war in der Schule beim Nähen, oder ob ich mich sorgen müsse. Die
Anwesenden erklärten Sascha, dass die Geburt ziemlich viel Adrenalin ausgeschüttet
habe in meinem Körper und ich ein Selbstschutzprogramm gestartet hätte, aber
dass meine Traurigkeit schon noch käme. Danach wurde Mia und ich gewaschen und wir hatten sie nochmal
auf unseren Armen. Auch Sascha konnte sich nun überwinden, seine Tochter in den
Arm zu nehmen. Die Hebamme machte 9 Fotos, die uns die Welt bedeuten! Wir begrüssten
unsere Tochter und nahmen gleichzeitig für immer von ihr Abschied. Ich
versuchte möglichst viel von ihr in meinem Kopf festhalten. Zog das Tuch ein
wenig runter und begutachtete ihre Finger und ihre Zehen. Sie war perfekt. Es
sah so aus, als würde sie bald unseren Tränen trotzen und einen gewaltigen
Atemzug nehmen und brüllen was das Zeug hält. Doch nichts dergleichen geschah.
Die Hebamme zog Mia an und legte sie dann schliesslich in ein Bettchen mit zwei
Blumen über ihrem Kopf. Sie war sowieso ein Engel. Denn als Sascha sie bat, Mia
zu baden, tat sie es so als würde Mia noch leben. Sie behandelte sie ganz
behutsam. Sowieso wurden wir vom ganzen Personal der Geburtsabteilung vom
Kantonsspital sehr einfühlsam
behandelt. Wir fühlten uns dort aufgehoben.
Um
22.45 Uhr kam dann noch mein Vater, meine Mutter, Andrea meine ältere Schwester
und Sabrina, die Jüngere vorbei. Wir waren so froh, dass sie kamen. Die Familie verabschiedete sich mit Tränen in den Augen von ihrer
Enkelin, Nichte und ihrem Patenkind. Zuerst wollten sie Mia nicht sehen, war es
doch für Andrea und Sabrina der erste tote Mensch (für mich übrigens auch)
den sie je in ihrem Leben sahen. Doch im Nachhinein waren sie froh, sich von ihr
verabschiedet zu haben. Sie gaben ihrer Trauer ein Gesicht!
Nach
einer mühsamen Nacht (meine Beine waren noch immer nicht ganz da und der Schlaf
wollte bei soviel Adrenalin einfach nicht kommen, obwohl ich sehr erschöpft
war. Hatte schliesslich schon mehr als 48h nicht mehr geschlafen. Nur ab und zu
gedöst, bin aber jede Viertelstunde von der Blutdruckmanschette geweckt
worden.) wollten wir nur noch nach Hause. Ich merkte, wie mein Selbstschutz
immer mehr bröckelte und dass ich nicht hier in der Klinik zusammenbrechen
wollte. Die Hebamme kümmerte sich noch um das Begräbnis und gab uns
Telefonnummern und Tipps für die weitere Zeit mit, auch die Überweisung zur
Vroni (meiner Heimhebamme). Wir bedankten uns für alles und verliessen
fluchtartig das Krankenhaus. Zu Hause nachdem die Türe ins Schloss gefallen
ist, liess ich endlich meinen Tränen freien Lauf. Weinend und Verzweifelt fiel
ich in Saschas Arme und nachdem ich keine Träne mehr übrig hatte, fiel ich in
einen traumlosen Schlaf. Die Zeit des Trauerns begann!
Da wäre dann noch Schneewittchen zu erwähnen. Tobias, Saschas bester Freund, war in unserer Klinikzeit bei uns zu Hause eingetroffen. Der Patenonkel von Mia. Er wohnt 523km von uns entfernt. Als er sich bei Sabrina über unsere Ankunft informierte und er wusste, wir kämen erst am Dienstagmorgen wieder nach Hause, hat er die ganze Wohnung aufgeräumt und eine Lasagne vorbereitet. Er ist für uns einkaufen gegangen und war in der ersten Zeit einfach für uns da. Auch Freunde und Familie liessen uns wissen ,dass wenn wir sie brauchen, sie für uns da sind. Alle haben unsere Bitte, zu warten bis wir uns melden, sehr ernst genommen. Danke an alle!
Jetzt fast sechs Wochen nach der Geschichte, sehen wir wieder nach vorne. Wir haben beschlossen, Mia sobald wie möglich ein Geschwisterchen zu schenken. Nicht einen Ersatz für unsere erste Tochter, denn Mia ist und bleibt einzigartig. Aber dennoch jemanden, der mit uns aufwächst, jemanden der unsere Hilfe braucht, jemanden, den wir auch berühren können. Mia wird bestimmt als Schutzengel über ihre Geschwister wachen. Sie wird mit uns weiterleben. In ihren Geschwistern, in ihren Eltern und in allen, die sich auf sie freuten. Sie ist nun ein Sternenkind, das wir gehen lassen mussten, bevor wir sie richtig kennen lernen durften. Hier auf der Erde wird sie für den Rest unseres Lebens geliebt.