Mias Geburt, Saschas Geschichte
Sonntag,
21. September 2003
Wir
freuten uns sehr auf unser Kind, Mia war nicht geplant, die Schwangerschaft hat
uns anfangs ganz schön aus der Bahn geworfen. Aber bald schon hatten wir
akzeptiert Eltern zu werden, und die Freude siegte über die Sorge.
Die
Schwangerschaft verlief 38 Wochen lang ohne Probleme. Tanja hatte kaum
beschwerden, auch die Gefühlsschwankungen hielten sich arg in Grenzen – ich
hatte mir es schlimmer vorgestellt. In der 37. SSW hatten wir Dienstags (12.08.)
noch ein Termin beim Frauenarzt, das Abhören der Herztöne und die Blut- und
Urinuntersuchungen waren, wie immer, einwandfrei. Bei der
Ultraschalluntersuchung erklärte uns der Arzt, dass Mia ihrer Entwicklung um
circa 2 Wochen voraus sei. Ein kräftiges Mädchen wuchs heran.
Am
darauf folgenden Samstagabend erzählte mir Tanja, dass sie sich Sorgen macht.
Ich fragte „...sollen wir ins Krankenhaus fahren, damit sie nachschauen können...“?
Tanja verneinte und wollte noch eine Nacht drüber Schlafen, wenn sie Mia dann
immer noch nicht spürt würden wir, ins Spital fahren.
Am
nächsten Morgen wachte Tanja früh auf. Sie machte sich grosse Sorgen. Ich fing
an zu zittern und war den Tränen nahe. Wenn Tanja freiwillig zum Arzt, und
sogar ins Krankenhaus möchte, dann konnte das nur sehr schlimmes bedeuten.
Auf
dem Weg ins Spital konnte Tanja ihre Tränen nicht mehr zurückhalten, auch mir
viel es schwer, ein Wunder dass ich keinen Unfall gebaut habe. Ich versuchte
Tanja und mich zu trösten, es gelang mir nicht wirklich. Im Spital erwartete
man uns und eine Ärztin versuchte auch gleich die Herztöne zu hören,
vergebens. Da Tanja nicht zu den Schlankesten zählt, machte die Ärztin eine
Ultraschalluntersuchung, doch sie konnte das Herz nicht finden. Wir gingen zum nächsten,
etwas neueren Ultraschallgerät, meine Aufregung wurde immer grösser. Auch bei
diesem Gerät versagte die Technik. Der Ärztin war das nicht mehr so geheuer
und sie rief die Oberärztin, diese ging mit uns zum neuesten Gerät, wo sie
selber noch etwas Mühe mit der Bedienung hatte, hier fand sie das Herz ... es
schlug nicht mehr, unsere Tochter war tot.
Während
ich auf dem Stuhl neben Tanja in Tränen ausbrach, unterhielten sich Tanja und
die Oberärztin darüber, wie Mia nun zur Welt kommen wird. Tanjas erster
Gedanke war ein Kaiserschnitt. Die Ärztin erklärte ihr, dass es das beste sei,
wenn sie Mia normal gebärt. Ich dachte nur: „...uns bleibt jetzt wirklich
nichts erspart...“ und bekam wahnsinnige Angst, dass ich Tanja nun auch noch
verlieren könnte.
Wir
fuhren noch einmal für eine Zeit nach Hause, bevor die Hebamme im Krankenhaus
die Geburt einleitete. Die Wehenmittel wirkten nicht so, wie man es sich
erhoffte. Von Sonntagmittag bis Montagmittag öffnete sich der Muttermund gerade
mal 2.5 bis 3cm, also fast gar nicht. Am Montagmittag kam der Chefarzt und
brachte den Kaiserschnitt ins Gespräch. Meine Angst um meine Freundin wurde
immer grösser. Tanja wurde übel und sie musste erbrechen. Die Ärzte einigten
sich auf einen letzten Versuch mit einer Tablette, die den Muttermund dazu
bewegen sollte, sich endlich zu öffnen. Es funktionierte! Endlich machten wir
Fortschritte.
Die
anschliessende Geburt war für Tanja sehr anstrengend. Ich kam mir während
dieser Zeit so unendlich hilflos vor. Nichts, aber auch gar nichts konnte ich
tun um ihr zu helfen. Die ganze Situation, aber auch die Gerüche im Gebärzimmer
zwangen mich dazu, den Raum für ein paar Minuten zu verlassen und Tanja alleine
zu lassen. Sonst hätte sich das Personal auch noch um mich kümmern müssen. In
der Pressphase konnte ich Tanja etwas unterstützen, ob ich ihr wirkliche eine
Hilfe war, weiss ich nicht. Als Mia dann endlich geboren war, kauerte ich mich
hinter dem Bett in eine Ecke. Ich hatte weiche Knie, mir war übel, ich war
traurig, erschöpft, in jeder hinsicht am Ende. Die Ärztin schaute besorgt nach
mir. Als sie merkte, dass ich noch bei Bewusstsein war, wendete sie sich wieder
meiner Freundin zu. Tanja fragte mich, ob ich Mia sehen möchte. Ich sagte ihr,
dass ich noch einen Moment Zeit bräuchte. Nach ein paar Minuten konnte ich
nicht anders, ich musste meine Tochter sehen. Ich rappelte mich auf und schaute
zu wie die Nachgeburt kam und Tanja genäht wurde. Als der Ärzterummel vorbei
war, und nur noch die Hebamme anwesend war, kehrte endlich Ruhe ein.
Die
Hebamme wusch Mia auf meinen Wunsch hin und zog sie an, sie behandelte sie wie
ein lebendiges Kind. Seit dem Zeitpunkt als Mia da war, wartete ich darauf, dass
sie endlich zu schreien anfängt. Darauf, dass die Ärzte sich geirrt hatten.
Mia blieb still. Sie sah aus, als ob sie nur schlafen würde, als ob es nur
einen Luftzug bräuchte, um sie zu wecken. Aber nicht einmal das Wasser beim
Waschen weckte sie auf. Ich musste weinen, wie schon so oft in den vergangenen
32 Stunden. Es war definitiv kein Traum, keine Ärzteirrtum, es war Realität,
Mia lebt nicht mehr. 2 Wochen vor dem geplanten Termin kam sie zur Welt, tot.
50cm lang, 3660g schwer, voll und ganz normal entwickelt. Die Ärztin meinte,
dass Mia wohl auf jeden Fall vor dem 01.09. gekommen wäre.
Tanja
vergoss auch jetzt kaum Tränen, das Schutzprogramm ihres Körpers war wohl
immer noch aktiv. Schliesslich hatte Tanja mit der Geburt sehr viel zu leisten
und hat wahnsinnig viel Kraft gebraucht. Mia hat ja bei der Geburt kein bisschen
helfen können. Die Hebamme brachte Mia zu Tanja ans Bett und fragte ob sie Mia
nehmen möchte, sie war angezogen und in warme Handtücher gewickelt. Tanja zögerte
nicht lange und nahm sie auf den Arm. Ich getraute mich nicht, Mia anzufassen.
Ich schaute sie nur an. Nachdem die Hebamme Mia wieder zurückgelegt hatte, um
Fotos von ihr zu machen, wollte ich sie auch streicheln. Als ich über ihr
kleines Näschen strich, überkam mich das dringende Bedürfnis, meine Tochter
im Arm zu halten. Weinend hielt ich Mia in meinen Armen. Warum, warum nur durfte
sie nicht leben, warum?
Eine
Stunde nach der Geburt kam Tanjas Familie noch zu Besuch, es war schon spät am
Abend, aber wir wollten das sie kommen. Peter, Marlene, Andrea und Sabrina
wollten wir auch die Gelegenheit geben, sich von Mia zu verabschieden. Wir alle
hatten uns doch so sehr auf sie gefreut. Uns allen tat, und tut es unendlich
weh, dass sie uns verlies, bevor sie zu uns kam.
Alle
vier haben sich von Mia verabschiedet. Als ich Mia in ihrem Bett wieder zurück
ins Nebenzimmer schob, bin ich auf dem Flur nochmals in Tränen ausgebrochen. Da
habe ich meine Tochter zum letzten Mal gesehen. Ich brachte sie fort von unserem
weiteren Leben.
Am
Dienstagmorgen wollten wir beide nur noch eins: nach Hause. Zu Hause angekommen
brach Tanja weinend zusammen, endlich konnte auch sie loslassen! Ich war froh,
dass es endlich soweit war.
Bereits
als wir in die Tiefgarage fuhren, entdeckten wir, dass wir nicht alleine zu
Hause sein werden. Tobias, mein bester Freund, ist in der Nacht über 500km
gefahren. Von der Mosel bis in die Schweiz. Er hat einen Schlüssel von uns.
Ganz friedlich schlief er im Gästezimmer. Die Wohnung war aufgeräumt, und eine
frischgemachte Lasagne (eines meiner Leibgerichte) stand im Backofen. Tanja und
ich fielen erst einmal weinend ins Bett. An unserem ersten Tag zu Hause war
Tobias eine sehr grosse Hilfe, wir werden ihm seinen „Einsatz“ nie
vergessen.
Kaum eine Woche später, kamen Daniel und Barbara in die Schweiz um uns in unserer Trauer beizustehen. Es tut gut solche Freunde zu haben. Meine deutsche Familie hat mich auch nach können unterstützt. Sie wohnen halt etwas weit weg, aber ich spürte, dass mein Vater und meine Schwester mit uns um Mia trauern. Alle meine Freunde aus Deutschland haben sich kurz danach gemeldet und mir mit Blumen und anderen Geschenken gezeigt, dass wir nicht alleine sind. Danke an alle!
Heute,
5 Wochen nachdem wir im Krankenhaus vom Tod unserer Tochter erfuhren, schreibe
ich diese Zeilen. Unsere traurige Geschichte aus meiner Sicht.
Mia, Du lebst in unseren Herzen weiter. Ich Liebe Dich, meine kleine Tochter! Machs gut, da wo Du jetzt bist. Vielleicht sehen wir uns eines Tages wieder ...