Liebe Mia!

1. Oktober 2004

Vor bald einem Jahr eröffneten wir diese Homepage für dich. Sie sollte uns helfen, den Schmerz zu verarbeiten und sie soll ein ewiges Andenken an dich sein. An die Zeit, die wir hatten erinnern. Ich kann mich sehr gut erinnern, wie ich vor einem Jahr viele Nächte hier gesessen habe, und versucht habe meine Gedanken zu ordnen. Auch heute Nacht ist wieder so ein Versuch.

Vor zwei Stunden wurde ich von deiner Schwester unsanft geweckt. Sie hatte Hunger. Also stand ich mit ihr auf, um deinen Vater schlafen zu lassen, der ja heute arbeiten muss. Er braucht seinen Schlaf. Dann beim Stillen warst du mir plötzlich so nahe. Ich dachte an die Zeit, die wir nicht hatten. Jetzt, da Jaël da ist, merken wir erst, was uns durch deinen frühen Tod entgangen ist. Was wir alles hätten erleben können. Ich liebe deine Schwester über alles und bin froh und dankbar sie zu haben. Aber warum durftest du nicht bei uns bleiben? Als ich mit Jaël schwanger war und Komplikationen auftraten, hörte ich oft den Satz: "Du hast dir dieses Baby verdient!" Habe ich dich denn nicht verdient? Denke nur, auch ich habe diesen Satz schon zum Trösten gebraucht. Bei Tanja mit Sofie im Herzen. Er ist so leicht gesagt, aber wenn ich ihn hinterfrage, dann kommt er mir so komisch vor.

Seit der Geburt deiner Schwester haben wir viel an dich gedacht. Auch während der Geburt, warst du ständig bei mir. Als Jaël da war und sich bewegte und schrie, verschwammen die beiden Geburten irgendwie ineinander und ich war sehr verwirrt. Es verging eine Zeit, bis ich realisierte, dass da Jaël zwischen meinen Beinen liegt und nicht du. Das Gefühl, der Stolz, war das Gleiche. Doch statt eine grosse Trauer überfiel mich Glück. Ich freute mich auf das Leben mit diesem Menschlein. Ich musste nicht sofort wieder Abschied nehmen, nein im Gegenteil, ich durfte es näher kennen lernen. Jeden Tag habe ich Jaël ein Stück lieber.

Auch wenn es dich nur kurz in unserem Leben gab, habe ich doch das Gefühl du wärst jetzt schon ein Jahr alt. Denn du lebtest tatsächlich mit. In unseren Herzen, in unseren Gedanken und in unserer Erinnerung.

 

Ich liebe dich, kleine (grosse) Tochter!

Dein Mami

 

Liebe Mia!

11. Mai 2004

Jetzt ist es soweit. Du bist die gleiche Zeit gegangen, wie du bei uns warst. So viel Zeit ist vergangen doch unser Herz ist noch immer blutend. Manchmal mehr, manchmal weniger. Es ist so, wie viele andere Betroffene gesagt haben: Die Trauer verschwindet nie ganz, doch es wir leichter mit ihr zu leben. Manchmal fliessen Tränen, wenn ich im Fernseher glückliche Mütter sehe, die nach der anstrengenden Geburt ihr zappelndes Baby in die Arme schliessen und überglücklich zu ihrem Partner schauen. Dann danke ich an deine Geburt. Ich war auch stolz auf meine Tochter aber ich musste dir bald "Auf Wiedersehen" sagen. Wir gingen mit leerem Bauch und leider auch mit leeren Händen nach Hause. Nur unsere Herzen waren gefüllt. Erfüllt von den Erinnerungen an deinen Geruch, an deine Haut, an dein Aussehen und an die Gefühle die wir dabei hatten. Und das ist heute noch so. Du wirst immer die kleine Mia bleiben. In unserer Erinnerung bist du lebendig.

Ich liebe dich

Dein Mami Tanja

 

 

Liebe Mia!

1. April 2004

Habe mir in letzter Zeit viel Gedanken über dich gemacht. Wie ich mich damals fühlte, als ich wusste, dass du bereits gegangen bist. Als es zur Gewissheit wurde, nämlich als dein Herz auf dem Monitor im Spital nicht mehr schlug, da wurde mir klar, dass ich es schon längst WUSSTE. Wollte es nur nicht wahrhaben. Machte mir und Sascha Mut, obwohl mir ganz klar war, welches Resultat wird dort erwarten. Du bist gegangen. Mein Gedanke war dort, so irrational er auch scheinen mag, wie sag ich es den anderen. An mich selbst dachte ich kaum. Auch während der Geburt tat mir meine und Saschas Familie leid, die nun damit klar kommen mussten. Was war mit mir. Vielleicht wünschte ich mir noch immer, dass mein Gefühl, der Ultraschall und die Ärzte sich irren und du quickfidel hier auf der Erde ankommst. Als du dann da warst, so still und schön habe ich auch keine Trauer empfunden. Ich fand dich einfach nur schön, hatte aber auch ein wenig Angst vor deinem Tod. Wollte es dir nicht zu sehr ansehen, deswegen habe wir dich am nächsten Tag nicht mehr sehen wollen. Hatte ich Angst, dass meine Illusionen zerstört werden? Zu Hause konnte ich endlich weinen um dich. Das du nicht mit uns mitgekommen bist. Hier wäre alles bereit gewesen für dich. Dinge, die für dich waren blieben ungenutzt im Zimmer stehen.

In der ersten Zeit hatte ich Mühe, deinen Tod zu akzeptieren. Ich dachte die ganze Zeit, dass unsere Geschichte noch nicht ganz fertig ist. Da fehlt doch noch was. Fühlte auch dauernd deine Bewegungen in mir. Aber dann, bei der Beerdigung wurde mir klar, das dein Auftrag in unserer Familie nicht Leben war, sondern ein anderer. Vielleicht unsere Hochzeit? Du bist der Grund, dass wir geheiratet haben. Dein Tod hat uns gezeigt, dass wir zueinander gehören. Auf unseren Eheringen steht kein Datum. Es ist dein Name, der mit uns in die Ehe geht...

Sascha mit Mia im Herzen & Tanja mit Mia im Herzen

 Vielleicht die Liebe? Durch dich haben wir erfahren, welch eine tiefe Liebe an ein "unbekanntes" Wesen gehen kann

 

Nun ist dein Geschwisterchen bei uns. Achtest du darauf? Bist du sein Schutzengel? Die Schwangerschaft ist so anders als bei dir. Nach dem ersten Schock haben wir dich vorbehaltlos geliebt. Sicher war da ab und zu der Gedanke da: "Schaffen wir das?" Jetzt getraue ich mich nicht, mein Herz so sehr an diese feinen Bewegungen in meinem Innern zu hängen, wie damals bei dir. Ich habe Angst, wieder aus so einem tiefen Loch der Trauer klettern zu müssen. Einen solchen Verlust zu erleiden... Mein Frauenarzt sagte zu mir, ich sollte versuchen, vertrauen zu meinem Körper zu haben. Ich werden es probieren. Es ist nur sehr schwer...

In Liebe...

Dein Mami Tanja

 

 

07.01.04

Liebe Mia!

Im Moment haben wir es schwer. Wir wollen dich doch unbedingt in unserem gemeinsamen Familienbüchlein haben, das wir am 26. März dann nun bekommen. Aber es wurde uns gesagt, dass es nicht erlaubt sei. Da du vor unserer Eheschliessung gestorben bist. Ich kann es nicht fassen. In Deutschland gibt es Geburtsurkunden und Sterbeurkunden für totgeborene Kinder und hier, HIER in der Schweiz scheint es dich einfach nicht gegeben zu haben! Wir müssen dich wohl vergessen, denn vor dem Gesetz hat es dich nie gegeben. Was haben diese Beamten nur dagegen, dass dein Name in unserem gemeinsamen Familienbüchlein steht? Ich meine, es kann ihnen doch wirklich egal sein. Aber für uns ist es unendlich wichtig. Ich glaube es ist so lange so, bis dann auch mal ein hohes Tier zu uns Betroffenen gehört. Dann wird dieses unsinnige Gesetz vielleicht gelockert! Eins kann ich dir schwören, du wirst in unserem Büchlein stehen, auch wenn ich dich selbst eintragen muss! Habe ja schliesslich von Tanja auch schon eine Geburtsurkunde bekommen. Sie hat es von Sofie's abgeschrieben.

Wir versuchen wirklich tapfer zu sein und haben es auch schon weit geschafft, aber jetzt wurde durch aussen uns ein Knüppel zwischen die Beine geworfen. Sicher, Aussenstehende verstehen wahrscheinlich nicht, wieso das für uns soooooo wichtig ist, aber ich möchte doch einen Beweis, dass es dich wirklich gegeben hat. WIR werden dich nie vergessen, aber kann es nicht auch einen Beweis für die Anderen geben. Es soll doch ein Familienbüchlein sein, und ohne dich ist unsere Familie doch nicht komplett...

Deine Mutter Tanja

 

P.S.:  (18.01.04) Letzte Woche durften wir erfahren, dass du nun doch mit in unser Büchlein darfst. Dein Vater hat nicht aufgegeben und hat bis an die höchste Stelle in Bern angerufen. Wir dürfen dich nun ausnahmsweise in den Chronikteil des Dokumentes schreiben. Zwar nicht bei den ehelichen Kindern, aber du wirst eingeschrieben. Das ist doch das Wichtigste!

 

 

                                                            Sonntag, 16.11.03

Liebe Mia,

wir haben uns nach deinem Tod nicht wahnsinnig zurückgezogen. Sicher, die ersten Tage sind wir kaum aus unseren vier Wänden raus, aber wir haben jede Menge Besucher empfangen. Du warst natürlich unser Hauptthema. Warum nur, warum bist du nicht bei uns? Manche haben unsere Situation verstanden, kamen aber nicht so gut mit uns klar. Wie geht man um mit traurigen Menschen? Aber ich kann dir sagen, als Hans genau sechs Monate vor dir ging, da wusste ich auch nicht, wie ich Brigitta trösten soll. Ich glaube in so einer Situation gibt es gar keinen Trost. Worte werden dann völlig bedeutungslos. Wichtig ist, das Andenken des verstorbenen zu Ehren. Na, da wäre schon unser Problem. Für viele hat es dich noch gar nicht gegeben. Dein Erdenleben hat schliesslich noch nicht richtig begonnen, schon bist du zu den Sternen gegangen.

Wir, dein Vater und ich, leben nun weiter. Es ist manchmal gar nicht so einfach. Ich habe das Gefühl ein Stückchen unserer Herzen ist mit dir gestorben. Und ein anderer Teil hat dann die Funktion aufgenommen. Wir spüren eine tiefe Trauer, aber sind dennoch irgendwo stolz. Wir haben eine wunderschöne Tochter bekommen. Letzte Woche hat mir eine Mutter von Sternchen einen Satz genannt, der mir sehr gefallen hat. Wir sind nichtpraktizierende Eltern. Ich glaube das trifft unsere Situation total.

Auch wenn ich das Gefühl hatte, dass wir uns nicht so wahnsinnig hängen lassen, habe ich gestern festgestellt, dass die Menschen draussen plötzlich Jacken tragen. Ich war erstaunt darüber. Warum tragen alle Jacken, wir hatten doch einen solch heissen Sommer. Mir wurde bewusst, dass dieser endgültig der Vergangenheit angehört. Es ist schon fast Winter. Wo ist die Zeit, die zwischen deinem Geburtstag und jetzt verstrichen ist? Es wurde Herbst und ich habe ihn noch nicht mal richtig wahr genommen. Die Welt dreht sich unaufhörlich weiter. Manchmal sogar zu schnell für mich. Ich habe ständig das Gefühl ihr hinterher rennen zu müssen. Die Zeit zerrinnt in meinen Fingern. Oft denke ich an den Tag zurück, als du geboren wurdest. Heute genau 14 Wochen. Auch wenn die Zeit schnell läuft, habe ich da oft das Gefühl es müsste doch mehr Zeit vergangen sein. WAS das alles passierte erst vor 14 Wochen? Das kann doch nicht sein. Zähle nochmals nach, und doch: 91 Tage erst sind verstrichen. Viel länger warst du bei uns. 266 Tage lang Angst vor der Zukunft, Bammel aber auch Hoffnung, Freude und Ungeduld. Hätte ich doch nur gewusst, dass dies unsere einzige Zeit war. Ich hätte diese Zeit anderst genutzt! Bewusster gelebt!

Von anderen Sternenkindeltern weiss ich, dass die Trauer niemals  vergehen wird. Sie nimmt nur andere Formen an. Auch ich kann dir sagen, dass unsere Trauer nicht mehr so verzweifelt ist. Wir haben unser Leben angenommen und versuchen uns gegenseitig zu stützen.

Eine Mutter von drei Kindern hat zu mir gesagt, dass du dich hergegeben hast, um uns zu zeigen, was wir für Gefühle haben können. Dass du zu uns gekommen bist um uns die Herzen für diese unglaubliche Liebe zu öffnen. Am Anfang verstand ich nicht recht, was sie mir damit sagen will. Nun gebe ich ihr völlig recht. Du hast aus uns andere Menschen gemacht. Wir schätzen das Leben plötzlich anderst ein. Es wurde wertvoller. Das hast du bei uns erreicht.

Ach Mia, wenn ich die Zeit doch nur zurück drehen könnte...

 

Ich liebe dich, meine Einzige! Bis wir uns wiedersehen!

Deine Mutter Tanja

 

 

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